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Das Internet weiß alles. Demnach müßte das Internet sowas wie Gott sein. Wir beten zum Internet, indem wir ihm unsere geheimsten Wünsche mitteilen, unsere Träume, unsere Meinung und sogar die Kreditkartennummer. Unsere Kirchen heißen facebook, MySpace oder Jappy, dort treffen wir uns und beten gemeinsam. Der Pfarrer ist ein erfahrener Blogger, der viele Fans hat. Das Internet ist eine Religion, die (fast) jedermanns Geschmack trifft, weil jeder sagen kann, was er will und jeder ge- oder auch erhört wird. Meistens bleibt das Internet stumm, so wie Gott, aber an unnahbare Führer sind wir ja schon gewöhnt. Wir sind auch sehr zufrieden damit, daß das Internet nicht allzu viel zu uns spricht, denn wir selbst haben viel zu sagen. Wenn das Internet spricht, sind es meistens sehr einfache Botschaften: „Steigere Deine Potenz jetzt!“ oder „Hilf dem Prinzen von Zamunda sein Millionenerbe zu retten!“ Selbstverständlich hören wir nicht auf das Internet, auch das ist nichts neues, wir lassen uns zwar regieren, aber befehlen lassen wir uns nichts.

Wir zahlen freiwillig und regelmäßig die Kirchensteuer für das Internet an die Propheten (Alice, Congstar, Telekom…) und weil das Internet so viel zu tun hat, können wir nur durch die Propheten zum Internet sprechen und seine Botschaften empfangen. Und die Propheten wissen, wenn wir uns gegen das Internet versündigt haben, dann verweigern sie uns den Zugang zum Allerheiligsten. In den meisten Fällen wissen wir nicht genau, was wir falsch gemacht haben, aber das ist nicht so schlimm, denn der Ablaßhandel floriert und für 14 Cent die Minute werden uns alle Sünden vergeben.

Im Internet können wir nach unserem Tod weiterleben und das Internet verlangt nicht viel dafür. Keine Askese, kein Zölibat – im Gegenteil! Das Internet ist ein Gott, der nicht einmal tägliche Respektbezeugung einfordert. Ein Gott für jeden, ein Gott auf Abruf. Und so sind wir zwar immer noch alle verschieden, aber im Glauben endlich vereint. Amen.

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